Ein republikanischer Senator fordert in der liberalen „New York Times“, notfalls Militär gegen „Black Lives Matter“-Demonstrierende einzusetzen. Die Zeitung bittet später um Entschuldigung für den Beitrag, der Meinungschef geht. Und plötzlich diskutieren alle (mal wieder) über die Bedeutung von Neutralität und Meinungsvielfalt im Journalismus. Es ist eine wichtige Diskussion, denn die zugrunde liegende Frage lautet: Wie soll Journalismus aussehen in Zeiten von Populismus, Polarisierung, Fake News und verbal marodierenden Präsidenten?
Ich meine: Der Journalismus muss sich ändern. Ich meine aber auch: Die Grundsätze Neutralität und Pluralismus sind so wichtig wie eh und je. Wenn nicht sogar wichtiger.
Ein paar Gedanken.
Neutralität im Journalismus gibt es nicht und hat es nie gegeben. Schon allein Auswahl und Aufbereitung einer Nachricht spiegelt die Meinung des Journalisten oder der Journalistin dahinter wider. Und doch sollte es das oberste Ziel jedes Medienschaffenden sein, so unvoreingenommen wie möglich zu berichten.
Das ist gerade heute so wichtig, weil die westlichen Gesellschaften immer mehr zerfallen. Meinungsblöcke stehen gegen Meinungsblöcke, das Klima ist unversöhnlich. Etablierten Medien wird zum Teil hasserfüllt begegnet, immer begleitet von dem Verdacht, dass sie die Wahrheit verschweigen und mit Politikern unter einer Decke stecken. An diesem Verdacht tragen wir Medien Mitschuld: Durch ein Zuviel an immer gleicher Meinung. Durch unsaubere Trennung von Nachricht und Meinung, die es leicht macht, eine hidden agenda zu vermuten. Do-it-yourself-Medien wie Facebook und Twitter fördern zusätzlich die Komfortzone der eigenen Meinung.
Doch diese Komfortzone müssen wir Journalisten und Journalistinnen aufbrechen, indem wir so neutral wie möglich berichten. Es ist unsere Aufgabe, Leserinnen, Zuschauer oder Zuhörerinnen die Möglichkeit zu geben, eine eigene Meinung zu bilden. Ihnen zu zeigen, wofür in den USA ein republikanischer Senator steht und in Deutschland die AfD – in Berichten, Einordnungen und Kommentaren. Und dazu gehört eben auch, anderen Meinungen Raum zu geben, so unerfreulich sie für uns auch sein mögen.
Der Gastbeitrag von Tom Cotton in der „New York Times“ war nicht die einzelne Meinung eines irrlichternden Nobodies. Tom Cotton ist gewählter Senator des Bundesstaates Arkansas und etwas mehr als die Hälfte der Amerikaner teilt die Ansicht, bei gewalttätigen Protesten das Militär intervenieren zu lassen.
Nun mag man einwenden: Doch was ist, wenn wir nicht nur unerfreulichen Meinungen Raum geben – sondern schlicht falschen Behauptungen? Die Antwort: Wir sind Lügen gegenüber nicht hilflos. Wir haben das Werkzeug, wir müssen es nur sauber und viel härter einsetzen.
An erster Stelle: Wir müssen recherchieren. Wir müssen Meldungen und Meinungsäußerungen viel konsequenter auf ihren Wahrheitsgehalt überprüfen und diese Überprüfung transparent machen. Das kostet Zeit, Geld und Kraft. Nicht immer ist eine Lüge leicht erkennbar. Doch sie erkennbar zu machen, ist unsere Aufgabe. Dafür sind wir da.
Auch eine simple Meldung können wir in den Kontext einbetten. So wie wir beim Wetter etwa melden, dass der Monat xy der wärmste seit Beginn der Wetteraufzeichnungen war, hätte man bei der Forderung eines deutschen Politikers nach einem Einsatz der Bundeswehr gegen Protestierende darauf hinweisen können, dass ein solcher Einsatz hierzulande gegen das Grundgesetz verstößt.
Gastbeiträge können wir mit redaktionellen Hinweisen versehen, sie einordnen.
Wir können den Autor oder die Autorin anschließend zum Interview laden und sie mit kritischen Fragen eindecken.
Wir können unsere Leser und Leserinnen auffordern, ihre Fragen zu stellen.
Wir können mit einem eigenen Kommentar der geäußerten Meinung widersprechen oder eine Gastautorin darum bitten.
Wir können manche Themen von Anfang als Pro und Contra behandeln.
Wir können flankierende Hintergrundberichte bringen, Experten-Interviews, Erklärvideos.
Und natürlich haben wir immer die Möglichkeit, Meinungen und offensichtliche Fake News unveröffentlicht zu lassen. Meinungsvielfalt zu achten heißt nicht, keine Haltung zu haben. Rassismus, Antisemitismus und Holocaustleugnung gehören in keinem Medium veröffentlicht.
Doch wir Journalisten sind keine Aktivisten. Das können andere weit besser. Wir sind die vierte Gewalt. Wir melden unvoreingenommen, wir hinterfragen kritisch, wir ordnen ein und ja: wir kommentieren. Aber wir zensieren nicht.